Kategorie: Allgemeines (alle Baujahre)
So, liebe Fordfreunde und -freundinnen, wir haben den Transit CL am vergangenen Montag besichtigt, auf Herz und Nieren geprüft und eine Probefahrt gemacht. Hier nun der versprochene Bericht. Er ist recht ausführlich geraten, aber vielleicht ja für den einen oder die andere interessant zu lesen und denjenigen nützlich, die wie wir auch gerade auf der Suche sind.
Starten wir mal mit dem Positiven:
Nach rund vier Stunden Anfahrt wurden wir vom Verkäufer sehr freundlich empfangen und er war bemüht, alles zu zeigen und zu unterstützen, etwa mit Feststrom zur Überprüfung der Außendose und Campinggeräte/Kühlschrank auf Außenstrom. Später gab es auch noch einen Kaffee, nett!
Was das Fahrzeug betrifft, sah der Unterboden verhältnismäßig gut aus, also wirklich kaum Rost (wir haben auch einige Stellen abgeklopft). Soweit wir sehen konnten in diesem Bereich nichts verbastelt bzw. schlecht repariert. Der Motorraum sah auch altersentsprechend gut aus.
Bei der späteren Probefahrt schnurrte der Wagen prima auf Benzin und LPG, keine seltsamen Geräusche, Fahrverhalten gut, Pedale nicht zu sehr durchgetreten. Getriebe/Schaltung waren ok, in den niedrigen Gängen teilweise etwas ruckelig. Synchonisation ohne Probleme. Keilriemen quietschte beim Lenken etwas, war aber neu gemacht und ist wohl nur nachzuziehen. Lenkung hatte etwas viel Spiel, aber für Bj 1991/altes Fahrzeug meiner Meinung nach ok. Muss man halt für sich wissen, ob man mit sowas klar kommt. Positiv fiel auf, dass zuletzt (2020) wirklich 'ne Menge gemacht worden war auf der technischen Seite (Bremsen, Lager, Zylinderköpfe, Steuerkette, Wasserpumpe u.v.m.). Und schließlich saß man gut, keine durchgesessenen Polster.
Nun zum Negativen:
Die Karosserie war teilweise in schlechterem Zustand als erwartet. Massiver Rost im Bereich des Seitenschwellers hinter (nicht unter) der Schiebetür. Da war das Blech auf jeden Fall durch und - anders als vorher gesagt - Schweißarbeiten nötig. Der gesamte untere Teil des Bleches war auch schon einmal getauscht worden, also rund um das Hinterrad, jedoch keine schöne Arbeit und der Rost fing an den Schweißnähten schon wieder an. Das gleiche Spiel, wenn auch in etwas besserem Zustand, auf der anderen Seite. Außerdem massiv Rost unterhalb/an der Aufhängung der Stoßstange hinten. Überraschung: Heckklappe rostfrei, bestimmt handelte es sich nicht um die erste...
Im Außenbereich des Fahrzeugs/rundherum so einiges an Mängeln: leichte Dellen und Kratzer hier und dort im Blech (eher überschaubar), Dichtungen der Fenster und Türen an vielen Stellen nicht mehr in Ordnung, Lichter teilweise Kratzer, Heckscheibe hatte massiv Kratzer, möglicherweise infolge von jahrzehntelanger, schonungsloser Beladung des Fahrradträgers... Am Heck des Fahrzeugs stießen wir auf einen Auspuff, der zwar stabil, aber nur rund zehn Zentimeter über dem Boden hing. Sicher kein Originalteil, sondern Bastelei, die am nächsten Schlagloch/Maulwurfshügel abzureißen droht...
Bis hierhin alles noch nicht so wild, dachten wir. Reparaturen bzw. Ausbesserungen würden zwar schon im vierstelligen Bereich landen, aber ok, da wären wir bereit gewesen, mitzugehen.
Dann haben wir uns den Innenraum vorgenommen und stellten hier leider fest, dass der Ausbau alles andere als professionell gemacht worden ist, sondern komplett Marke Eigenbau war mit allen Problemen, die dazu gehören. Angefangen bei schlechtem Material, mindestens teilweise Spanplatte mit Klebefolie, die schon an vielen Stellen wellte und sich löste, über unsaubere Verschlüsse bei Türen und Klappen, die dann eben vielfach nicht mehr richtig schlossen, teilweise muffige Schränke, bis hin zu einer selbstgebauten Rückbank, die ausgeklappt kaum 1,80m maß (für mich zu wenig) mit wirklich eigenwilliger, instabiler Konstruktion. Der Raum wurde auch eher mittelmäßig genutzt. Das hatten wir uns alles schon mal anders vorgestellt. Hinzu kam noch ein "Hauswirtschaftschrank" mit ungünstig platzierten Wasserkanistern und -leitungen gefährlich nahe zu selbstverlegtem Strom...
Trauriger Höhepunkt des Innenausbaus war, dass abgesehen von funktionstüchtigem Herd und Wasser (Spüle jedoch mit wirklich sehr schmalem Auslass) entscheidende Technik NICHT funktionierte. Die Standheizung wurde nicht warm, der Kühlschrank kühlte nicht. Beides bekanntlich teure Teile, deren überlegter Austausch die Ausbesserungskosten in unseren Köpfen inzwischen auf +3.000, wenn nicht +4.000 Euro anwachsen ließen. Ganz davon ab, gefiel uns der Ausbau in diesem Zustand nicht (mehr). Wir dachten an eine neue Bank und insgesamt einen neuen Ausbau, die imaginären Kosten stiegen auf einen höheren vierstelligen Betrag (vielleicht +7.000/8.000 Euro), zu dem wir in etwa in die Verhandlung eingestiegen wären - für ein KOMPLETT FUNKTIONSTÜCHTIGES FAHRZEUG. Um es nochmal klar zu machen: Hier wäre ein Betrag in dieser Höhe für einen vernünftigen Ausbau und Behebung von Mängeln außen NOCH ZUSÄTZLICH zum Fahrzeug drauf gekommen. Wir verabschiedeten uns langsam innerlich komplett davon, das hatten wir uns anders vorgestellt und waren/sind nicht bereit, in diesem Umfang x2 (!) zu investieren.
Trotzdem haben wir dann noch eine Probefahrt gemacht, die sich wie oben beschrieben wiederum ganz schön und positiv darstellte.
Zu guter bzw. schlechter letzt nahmen wir uns die Papiere vor. Da kam dann der Hammer. Wir hätten das gleich machen sollen, das hätte erheblich Zeit gespart. Obwohl diese Besichtigung auch ziemlich aufschlussreich war insofern, als dass wir eine Menge vor Ort sehen, erfahren und auch noch dazu lernen konnten. Also, war schon in Ordnung und keine echte Zeitverschwendung.
Aber zurück zum Hammer: Der Blick in den Fahrzeugbrief offenbarte nicht nur 2 (1+1 bzw. römisch II) Vorbesitzer. Sondern ganze 11! Das haute uns schon um. Selbst auf 30 Jahre ist das doch wirklich eine stattliche Zahl. Dokumente lagen nur noch aus den letzten vier Jahren, das meiste 2020, vor.
Was bedeutete das jetzt für uns? Zum einen: Die Historie das Fahrzeugs insgesamt stellte sich damit als weithin unklar sowie unstet/wechselhaft dar. Was ist da wann im Laufe von 30 Jahren gemacht worden? Keine Ahnung. Und auch keine Möglichkeit mehr, das herauszufinden. Mindeste die ersten 25 Jahre blieben/bleiben komplette Black Box. Außerdem stellte sich sofort der Verdacht ein, dass hier drei Jahrzehnte gebastelt wurde. Zum anderen bzw. konkreter ließ sich nicht nachvollziehen: Was ist die Gesamtfahrleistung, was ist der Motor schon gelaufen (höchstwahrscheinlich eben doch ein Austauschmotor, er sah nicht 30 Jahre alt aus), wieviele Umdrehungen hat der fünfstellige Tacho WIRKLICH schon gemacht. Spätestens jetzt war der Punkt erreicht und für uns ganz klar zu sagen: Das wollten wir so nicht, nein, Finger weg!
Fazit:
Ein echtes Verhandlungsgespräch erübrigte sich, der Wagen stand vor allem innen zu schlecht für uns dar. Daneben gravierend und final ausschlaggebend: Historie quasi unbekannt. Zukunftsaussichten dieses Autos sind dementsprechend ein Überraschungspaket, das uns zu heikel war. Für 4.000 bis 5.000 Euro hätten wir ihn angesichts TÜV bis 11/2022 evtl. noch mitgenommen, das war aber tausende Euro entfernt von der Vorstellung des Verkäufers.
Damit auch die Auflösung in Sachen Preis: Angesetzter Preis VB waren 11.500 Euro, auf 10.000 Euro wäre er runtergegangen. Aber hier war seine Schmerzgrenze. Er hatte den Wagen selbst erst vor kurzer Zeit gekauft, unserer Meinung nach allerdings für deutlich zu viel Geld (wir haben den Preis noch erfahren). So konnte/wollte er nicht weiter runter, aber dafür fehlte einfach die materielle Grundlage, meinen wir. Und zwar in Form eines nachweislich zuverlässigen Autos mit vernünftigem Ausbau, das vielleicht keinen Schönheitspreis gewinnt, also nicht mängelfrei daher kommt, aber von dem man doch weiß, was man daran und darin tatsächlich (vor sich) hat.
Nach No Deal, vierstündiger Rückfahrt, einem echt langen Tag, aber auch gutem Erfahrungsplus heißt es für uns jetzt: Weiter suchen, suchen und nochmals suchen, bis wir dann hoffentlich absehbar einen passenden Campingbus finden. Vielleicht wird es ja doch noch ein echter Nugget - alles ist wieder und weiterhin möglich!